Wider die Losigkeit. Erfahrungslosigkeit. Sprachlosigkeit.Wider die Resignation. Wider die Gleichgültigkeit. So beginnt das "Mission Statement" von Partner + Propaganda, das ich vor fast 10 Jahren geschrieben habe. Bis heute sehe ich keine Notwendigkeit, mich davon zu distanzieren, keine Notwendigkeit für einen "Werte-Relaunch". Stattdessen: die Notwendigkeit der kritischen (Wieder-)Aneignung. Seit seiner Gründung 2004 hat Partner + Propaganda kontroverse Reaktionen hervorgerufen: Bewunderung für klare Ansagen und ein klares Profil seitens der einen, Ablehnung wegen der streitbaren Propaganda im Namen und gelegentlich unkonventioneller Vorgehensweisen seitens der anderen. Bisweilen Verständnislosigkeit und Abwehrreaktionen, wenn es darum ging, AutorInnen zu vermitteln, dass und warum Partner + Propaganda ihr eingereichtes Projekt nicht vertreten wird. Der Versuch, die Verantwortung für solche Entscheidungen nicht an den Markt, die normative Kraft des Faktischen oder Formulierungen wie "kann ich Ihnen leider keine Vertretung anbieten" zu delegieren. Dazu zu stehen, dass ich Ansprüche an Texte habe, zu benennen, wenn Texte diesen Ansprüchen nicht genügen. Das ist keine Anmaßung vermeintlicher literarischer Deutungshoheit als vielmehr Ausdruck dessen, dass ich mir als Betreiberin einer Agentur herausnehme, zu entscheiden, mit welcher Weltsicht, mit welcher Poetik und mit welcher gesellschaftlichen Aussage die Agentur den Buchmarkt (und die Wahrnehmung der Lesenden) prägt. Prägen möchte. Ich bin überzeugt, in den vergangenen Jahren Titel abgelehnt zu haben, die hohe Auflagen eingespielt hätten (möglicherweise auch haben). Aber Partner + Propaganda ist nicht mit dem Anspruch angetreten, etlichen entbehrlichen Auflagen weitere entbehrliche Auflagen hinzuzufügen. Nicht, um links gegen eine gesellschaftliche Realität nach Ausschneidepuppenvorlage zu agitieren und rechts Ausschneidepuppenliteratur zu verkaufen. Da kann ich doch der "Sturheit und Extravaganz" viel mehr abgewinnen, die die NZZ dem Diogenes Verleger Daniel Keel (1930 - 2011)attestiert, der weder die Bedeutung noch den absehbaren Verkaufserfolg von Alexander Solschenizyns "Archipel Gulag" falsch eingeschätzt hätte, als es ihm angeboten wurde. Und sich trotzdem gegen die Publikation bei Diogenes entschied.
Nun verhält es sich natürlich so, dass die Entscheidung für etwas oft auch die Entscheidung gegen etwas anderes beinhaltet (und diesen Preis hat natürlich auch Daniel Keel gekannt und in Kauf genommen). Die profitabilitäts-unabhängige Entscheidung für AutorInnen und Manuskripte geht zum einen einher mit der Entscheidung, interessante Gewinnkurven zu erzeugen (und zu akzeptieren) und zum Jahresende selbstgebackene Kekse statt Kreuzfahrt-Gutscheine zu verschicken. Und zum anderen mit der Entscheidung, wo und auf welche Art und Weise die Agentur an ihre AutorInnen und Manuskripte kommt. Oder, andersherum, wie sich vermeiden lässt, dass etwas eintrifft, dem entgegenzustellen sich doch eine Initialzündung zur Gründung der Agentur war. Soll heißen: Wenn der Anspruch einerseits lautet, sich mit jedem Manuskript ernsthaft inhaltlich zu befassen, und der Verzicht auf bedingungsloses Wachstum das Agenturpersonal auf überschaubare Größe reduziert, ist jede Entscheidung für die Prüfung eingegangener Manuskriptangebote auch gleichzeitig eine Entscheidung, diese Zeit nicht dem Aufspüren von Stimmen zu widmen, die ihren Weg nicht in den Manuskripteingangsordner finden. Stimmen aus Bosnien, Serbien, Slowenien, Kroatien, Montenegro. Stimmen aus den Vereinigten Staaten, die gegen das anschreien, flüstern, zirpen, quietschen, raunen oder lallen, was die Vereinigten Staaten auf "die Amis" zu reduzieren sucht. Womit die Frage im Raum steht, warum eine Mutter ihren bosnischen, serbischen und kroatischen Sorgenkindern und ihren lallenden Yankees mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen sollte als ihren deutschsprachigen Kindern, die sich an die Regeln halten und sich die Füße abputzen, bevor sie den Autoreneingangsordner betreten? Weil es für diese Kinder ausreichend andere Einrichtungen im deutschsprachigen Raum gibt. Weil diese Kinder weniger dringend jemanden benötigen, der ihre komischen Frisuren, ihre merkwürdige Artikulation, ihre fehlende Kenntnis der Tischmanieren erklärt und LektorInnen zur Lektüre ihrer Texte nötigt.
Zugegeben, aus dieser Erklärung ragen jede Menge Widersprüchlichkeiten und Fadenenden hervor. Weswegen sie auch kein Fazit, sondern der Prolog zu folgender Ankündigung ist: Partner + Propaganda begibt sich ab Januar 2013 in ein dreimonatiges Sabbat-Quartal. Um nachzudenken. Über Verteilungsgerechtigkeit und soziodemographische Kriterien der AutorInnenauswahl und Aufmerksamkeitsökonomie. In dieser Zeit wird der Manuskripteingangsordner vorübergehend verrammelt, Anfragen und unaufgefordert eingesandte Manuskriptangebote bleiben ungeprüft. Die Interessen und Manuskripte von AutorInnen, die bereits bei Partner + Propaganda unter Vertrag sind, bleiben von dieser Regelung selbstverständlich ebenso unberührt wie der laufende Agenturbetrieb.









