"Liebe Frau Koschmieder,
mein Name ist Inger-Maria Mahlke und ich möchte Ihnen hiermit einen Text anbieten.
Es handelt sich um einen längeren Prosatext (Umfang ca 100 Seiten), erzählt werden die letzten sieben Tage des Hermann Mildt, 73 Jahre alt, Polizeibeamter (frühpensioniert, weil er seine tote Frau im Garten liegen ließ um sie zu fotografieren), Überlebensfotograf, vertrieben, xenophob. Der (nicht recht freiwillig) Jana Potulski bei sich aufnimmt, 51 Jahre alt, schwarzarbeitende Haushaltshilfe, polnische Staatsbürgerin, Überfallopfer – die ihn entwahrlost und deren Brüste er berühren darf, abends im Bad. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die durch Abhängigkeit, Misstrauen, Verdächtigungen, Erotik und Ablehnung geprägte Beziehung der beiden, der hilflose Versuch eines gemeinsamen Alltages. Nach drei Tagen läuft sie ihm weg (beim Fotografieren am Alex), erst sucht er sie, dann wartet er und schließlich klingelt es an der Tür und Jana Potulski will eigentlich nur ihre Tasche abholen. Das Leben des Hermann Mildt vor dem Zusammentreffen mit Jana wird in mehreren Rückblenden miterzählt, Schauplatz des Textes ist Berlin, die Wohnung des alten Mannes und Frankfurt an der Oder (dort lernen sie sich kennen)."
Mit dieser prosaischen Mail tritt am 16.4.2009 Inger-Maria Mahlke in mein Leben. Am 25.4.09 fordere ich den Text an, um am 28.4. von einer leicht zerknirschten Inger-Maria Mahlke zu erfahren, dass sie wegen eines Kurzschlusses an ihrem Laptop-Netzteil zurzeit keinen Zugriff auf den Text habe, aber zum Glück eine aktuelle 30-seitige Leseprobe auf USB-Stick, die sie schicken könne. Auch die Leseprobe kann der Begeisterung keinen Abbruch tun. Wir warten gespannt auf den Rest, 14 Tage wird die Reparatur des Netzteils wohl dauern, kündigt die Autorin an. Anfang Juni will sie uns den Text dann aber doch noch nicht zumuten, er überzeugt sie selbst nicht mehr. Sie bittet um Aufschub. Am 30.7. halten wir den Text in den Händen, er bietet noch immer keinen Anlass, ihr NICHT umgehend eine Vertretung anzubieten. Den Vertrag unterschreiben wir bei strömendem Regen im Biergarten des als zeitgenössischen literarischen Topos durchaus geeigneten "Hooter´s" unter der S-Bahn-Brücke Tiergarten. Die Servicekräfte im Bunnykostüm servieren auch draußen unter dem Sonneschirm, der Inger-Maria beim Rauchen und vor dem Regen schützt. Kurz darauf wird sie als Teilnehmerin der LCB Autorenwerkstatt Prosa ausgewählt. Zwischenzeitlich diskutieren wir über die Leseprobe, die ich auf die Agenturwebsite zu stellen gedenke. Die dann nie dort landet - denn kurz darauf veröffentlicht die Literaturwekstatt die Namen der Open Mike FinalistInnen 2009. Darunter: Inger-Maria Mahlke. Die Leseprobe, die mich überzeugt hat, ist auch die Leseprobe, deren Überzeugungskraft sich heute die Open Mike Jury nicht entziehen konnte. Kaum habe ich rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse den Zusatz "Open Mike Finalistin 2009" in meinem aktuellen Rechtekatalog ergänzt, erfreut sich Partner + Propaganda einer ungeahnten Nachfrage, sage und schreibe 15 namhafte deutsche Verlage fordern das Manuskript z.T. noch vor der Buchmesse zur Prüfung an. Inger-Maria Mahlke entscheidet sich letztendlich noch vor dem Open-Mike-Ergebnis für den Verlag, der sich noch vor dem Open-Mike-Ergebnis zu ihrem Text bekennt. Zu einem Text, der, wie ich heute weiß, zum Zeitpunkt unseres ersten Kontakts noch nicht einmal fertiggestellt war. Chapeau, Inger-Maria Mahlke! Für diesen Text und für diese Chuzpe. Und Danke für die einzigartige Erfahrung, als Agentin erstmals eine Open Mike Finalistin zu vertreten - und dann wegen der Schweinegrippe nicht zu ihrer Lesung beim Open Mike kommen zu können...













